Scientology: Ein Vergleich mit östlichen und westlichen Religionen

Copyright 2010 Scientology Kirche Deutschland e. V. Alle Rechte vorbehalten.

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Nachdem ich gebeten worden bin, in meiner Eigenschaft als Religionshistoriker ein Gutachten über die Scientology Kirche abzugeben, gebe ich hiermit die folgende Stellungnahme ab:

Einleitend möchte ich betonen, daß ich mich in meiner Forschung vor allem mit dem Buddhismus in seinen verschiedenen regionalen Formen und mit tibetanischer Religion befaßt habe. Ich habe jedoch in meiner Ausbildung und in meinen Seminarvorträgen die allgemeinen Fragen der Religionsgeschichte behandelt und diskutiert. Die folgenden kurzen Betrachtungen basieren auf meinem Studium einer großen Anzahl von Schriften der Scientology Kirche und auf einer Anzahl religionswissenschaftlicher Untersuchungen und Diskussionen der Kirche unter verschiedenen Gesichtspunkten einschließlich historischer, soziologischer und psychologischer. Von den neueren wichtigen Forschungen möchte ich insbesondere Scientology (1994) von Bryan Ronald Wilson hervorheben, dem führenden britischen Religionssoziologen sowie From Therapy to Religion (Von der Therapie zur Religion, 1994) von Dorthe Refslund Christensen als auch den Aufsatz Scientology und indische Religionen (Chaos no. 25, 1994) von Oluf Schonbeck. Ich habe desweiteren den Sitz der Kirche in Stockholm besucht und sowohl dort als auch bei anderen Gelegenheiten mit ihren Vertretern gesprochen, um mir einen persönlichen Eindruck von der Scientology Kirche zu verschaffen.

Scientology wird gewöhnlicherweise als Beispiel einer „neuen Religion“ betrachtet, eine Bezeichnung, die sich üblicherweise auf Bewegungen bezieht, die in der westlichen Welt während unseres Jahrhunderts entstanden sind und die Schweden in den 60er Jahren oder später erreicht haben. Mit dieser Bezeichnung hat man nicht nur auf diese Tatsache Bezug genommen sondern auch darauf, daß diese „neue Spiritualität“ sich in vielerlei Hinsicht von den älteren Kirchen, Gemeinschaften und Sekten unterscheidet, soweit es die Grundidee, die religiösen Zeremonien, die Methoden der Missionierung und die Gewinnung neuer Mitglieder angeht. Es ist möglich, daß die Bezeichnung „neue Religionen“ auch Ausdruck einer Abgrenzung ist und daß in einem gewissen Eifer, ihren Ursprung und ihre Entstehung auf der Grundlage sozialer und psychologischer Analysen zu „erklären“, diese Bezeichnung die neuen Religionen auf diese sozial-psychologischen Faktoren reduzieren soll. Insbesondere in älteren Darstellungen von Autoren, die den älteren und etablierteren religiösen Gemeinschaften angehören oder diesen sehr nahestehen, ist die Irritation bezüglich der „Konkurrenz“ feststellbar, die die „neue Spiritualität“ darstellt. In einigen Fällen drückt sich dies dadurch aus, daß diese Religionen als „Sekten“ gebrandmarkt und Behauptungen aufgestellt werden, sie würden vor allem junge Menschen unter emotionell belastenden Umständen in ihren Bann ziehen und sie dann mit dubiosen und autoritären Methoden festhalten. Alle Religionen, Kirchen, religiösen Gemeinschaften etc. waren irgendwann „neu“ und sind vor einem älteren, traditionellen Hintergrund erschienen, mit allem, was man darunter verstehen mag – Missionsarbeit, Bekehrung, Organisationsform und Verbreitung der Botschaft.

Die Instrumentalisierung, das Konzentrieren auf das Leben hier und jetzt, die Organisationsform und das rationale und technische Vokabular, Dinge die gewisse „neue Religionen“ auszeichnen, hat vor allem Vertreter christlicher Gemeinschaften zu der Frage veranlaßt, ob diese als Religionen im eigentlichen Sinne bezeichnet werden können. Diese Diskussion ist heute für einen Religionshistoriker ziemlich uninteressant und von geringer Relevanz. 

Wenn man zum Beispiel eine sehr weit verbreitete Definition für den Begriff Religion verwendet – „Religion ist die Überzeugung von der Existenz einer übernatürlichen Welt, eine Überzeugung, die sich vor allem in Glaubenskonzepten verschiedener Art ausdrückt, die konkret durch Rituale und Feiern und epische Darstellungen illustriert werden“ (Ake Hultcrantz, Methods Within the Comparative Research of Religion, 1973, Seite 13), dann ist die Scientology Kirche ganz eindeutig eine Religion. Desweiteren gibt es keinen Grund für einen Religionshistoriker, verschiedene Religionen auf einer Werteskala einzustufen.

Religionen können auf sehr viele unterschiedliche Arten und aus verschiedenen Gesichtspunkten heraus analysiert werden. In diesem Zusammenhang erscheint es angebracht, eine Anordnung zu wählen, die sowohl die Variationen und Nuancen als auch den Grad der Vollständigkeit aufzeigt. Der Religionshistoriker Ninian Smart hat in mehreren Werken seine Darstellung in sieben Kategorien pädagogisch angeordnet. Jede zielt auf eine besondere und charakteristische Dimension der diskutierten Religion. Diese sieben Dimensionen sind: Die praktische und rituelle, die emotionelle und die auf Erfahrung bezogene, die mythische und erzählerische, die philosophische und doktrinäre, die ethische, die soziale und institutionelle und schließlich die materielle und ästhetische. Auf der Grundlage dieses Musters kann man versuchen, die typischen Eigenschaften einer einzelnen Religion auf eine Weise zu unterscheiden, die den Vergleich mit anderen Religionen und anderen ähnlichen Vergleichen ermöglicht.

Dieses Gutachten ist nicht der Ort, um die Geschichte der Scientology Kirche zu beschreiben oder auf das Problem der Verläßlichkeit der Quellen einzugehen, dem sich ein Religionshistoriker gegenübersieht, wenn er die Beiträge des dynamischen Gründers von Dianetik und Scientology, L. Ron Hubbard (1911–1986), aus verschiedenen Perioden seiner Entwicklung miteinander vergleicht. Auch die Entwicklung von der Therapie der Dianetik zur Doktrin der Scientology Kirche wird nicht behandelt; soweit es den Ursprung der Religion betrifft, ist das Bild Ausgangspunkt, das die Kirche als repräsentativ für sich selbst betrachtet.

Die erste Dimension ist die praktische und rituelle. Hier findet sich die individuelle, geistige Beratung, Auditing genannt, und das intensive Studium der religiösen Schriften, genannt Ausbildung . Hier finden sich auch kollektive Riten, die regelmäßig abgehaltenen religiösen Dienste und Zeremonien der Namensgebung für Kinder, Eheschließungen und Begräbnisse. Das Auditing und dessen Struktur hängen natürlich direkt vom Verständnis der Kirche in Bezug auf den Menschen und dessen Möglichkeiten der spirituellen Entwicklung ab, mit denen wir uns später befassen werden. Das Prinzip ist, daß das Individuum auf einem formalen Weg dazu gebracht wird, seinen spirituellen Zustand und die Hindernisse für seine Entwicklung als geistiges Wesen zu erkennen. Indem solche Hindernisse sichtbar gemacht werden, wird die Person in die Lage versetzt, sie zu beseitigen und Fortschritt zu erzielen. In dieser Hinsicht erinnert die geistige Beratung an bestimmte Praktiken des Buddhismus und des Hinduismus, die ebenfalls auf einer engen Bindung zwischen dem Lehrer und dem Schüler sowie auf einer Wechselwirkung zwischen Formalismus und Intuition gegründet sind.

Die gemeinsamen religiösen Zeremonien scheinen mehr vom Christentum beeinflußt zu sein und sind im Kontext westlicher Religionen nicht ungewöhnlich. Die Texte, die die Durchführung solcher Zeremonien begleiten, schaffen einen würdevollen und angemessenen Eindruck.

Die zweite Dimension bezieht sich auf Erfahrung und ist schwieriger zu begreifen. Gemäß der Informationen von aktiven Mitgliedern der Kirche als auch von außenstehenden Beobachtern bieten die gemeinsamen Riten den Teilnehmern die Möglichkeit, Gemeinschaft und Hingabe zu erfahren. Die individuelle Beratung unterliegt, wie ähnliche Erfahrungen in anderen Religionen, möglicherweise jenen Spannungen, wie sie während eines solchen Vorgangs auftreten können; sie vermittelt aber offensichtlich auch die Erfahrung von Erleichterung und Befreiung.

Die dritte Dimension ist die erzählerische und mythische. Diese Dimension scheint in Scientology vergleichsweise wenig ausgeprägt zu sein. Man hat den Eindruck, daß ihre kurze Geschichte und ihre rationale, fast technologische Vorgehensweise diesen Aspekt der Religion behindern. Beim Durcharbeiten des mir zur Verfügung gestellten Materials habe ich mich jedoch gefragt, ob die Darstellung des Lebens von L. Ron Hubbard, insbesondere die frühen Jahre, nicht einen Anteil Heiligengeschichte enthält, und es könnte interessant sein, diese Entwicklung weiter mit Aufmerksamkeit zu verfolgen.

Die vierte Dimension ist die philosophische und doktrinäre. Es ist nicht möglich, auf diesem beschränkten Platz ausreichend auf die umfangreiche und nicht immer einfache Philosophie der Scientology einzugehen. Zum Teil ist sie eine esoterische Lehre, in der die vollständige Bedeutung verschiedener Phänomene schrittweise offenbart wird und die eine esoterische Terminologie mit vielen Wortneubildungen und semantischen Veränderungen enthält. Es kann festgestellt werden, daß, obwohl das Konzept eines „Höchsten Wesens“ vorhanden ist, andere Glaubenskonzepte ebenso eine wichtige Rolle spielen. Das wichtigste davon ist, daß ein menschliches Wesen ein grundlegend gutes und ethisches geistiges Wesen ist. Die Person selbst, nicht der Name, Körper oder Verstand, wird Thetan („Geist“, „Seele“, „Lebenskraft“) genannt, nach dem griechischen theta, ein Symbol für Denken oder Geist. Der Thetan ist immateriell und nicht wirklich Teil unserer physikalischen Welt, jedoch in ihr gefangen und niedergedrückt, wenn er bei der Geburt einen menschlichen Körper annimmt.

Der Grund für dieses Gefangensein sind frühere Leben und Handlungen in diesem und in früheren Leben, die Einsicht und Verstehen beeinträchtigen. Das Ziel des Auditing ist es, diese Hindernisse, „Spuren“ der Vergangenheit, zu entdecken und zu verstehen und damit aufzulösen. So entwickelt sich ein menschliches Wesen oder besser gesagt der Thetan weg vom Emotionellen und Reaktiven hin zu höheren Ebenen der Einsicht und Freiheit.

Das Ziel für den Thetan ist es, einen gott-ähnlichen aber auch tatsächlich ursprünglichen Zustand zu erreichen. Die Scientology-Lehre besagt, daß jeder Mensch diese Entwicklungsmöglichkeit besitzt, daß er im Grunde gut ist und das Potential hat, einen höheren spirituellen Zustand und Kenntnis des Höchsten Wesens zu erlangen.

Daraus können wir ersehen, daß Scientology eine Theologie, eine Anthropologie und eine Erlösungslehre mit innerer Kohärenz besitzt, die wohl durchdacht ist. Womit ein Religionshistoriker zuerst überrascht wird, ist die große Ähnlichkeit, die zwischen diesen Lehren und denen in bestimmten indischen Religionen und religiösen Philosophien besteht. Auch dort finden wir das Konzept, daß die Taten des Menschen Konsequenzen für seine künftigen Leben haben, und zwar in Form von Erfahrungen, die reaktiviert werden können und dadurch die Zukunft bestimmen. Durch gute Taten, Meditation und andere Übungen können sie lokalisiert und eliminiert werden, um die spirituelle Entwicklung zu fördern oder überhaupt erst zu ermöglichen. In hinduistischen Systemen wird der Kern und das Wesen jedes Menschen als eine spirituelle Einheit betrachtet, als Seele jenseits jeglicher Individualität. Es ist diese Seele, die befreit werden soll, um in ihren ursprünglichen Zustand zurückzukehren.

Die oft technische Sprache der Scientology in der Beschreibung dieser Vorgänge hat also ihre Entsprechung in den indischen Technologien der Erlösung.

Auch den Aufbau der Lehre in hierarchischer Form, wobei jemand zuerst eine bestimmte spirituelle Stufe erreichen muß, ehe er berechtigt ist, an der nächsten Stufe teilzunehmen, haben die Scientology und einige indische Religionen gemeinsam. Für beide Traditionen ist der Übergang von einer Ebene zur nächsten an Leistungen unterschiedlichster Art geknüpft.

Die fünfte Dimension ist die ethische. Weil der Mensch im Grunde gut ist, hat er die Möglichkeit, das Richtige und Gute zu wählen. Im Glaubensbekenntnis der Scientology Kirche wird die Gleichwertigkeit aller Menschen hervorgehoben und Nachdruck auf die Menschenrechte gelegt. In der Ethik der Scientology ist diese umfassendere Sichtweise eindeutig enthalten, auch wenn sie sich mehr am Individuum orientiert. Mit Hilfe verschiedener Organisationen werden auch soziale Aktivitäten durchgeführt, an denen der Religionshistoriker jedoch nicht in erster Linie interessiert ist.

Die sechste Dimension, die soziale und institutionelle, kann die Integration und Akzeptanz einer religiösen Gemeinschaft in der sie umgebenden Gesellschaft wiederspiegeln. Die Scientology Kirche ist auf eine Art und Weise organisiert, die an die christlichen Kirchen erinnert, d.h. mit einer hierarchischen Ordnung ihrer Geistlichen und Laien als der einigenden Kraft. Es gibt zwar verschiedene Gemeinde-Aktivitäten, da aber die Praktik auf die Einzelperson und ihre Entwicklung konzentriert ist, bekommt man nicht den Eindruck, daß die Kirchengemeinde die zentrale soziale Einheit ist. Die vorhandenen Quellen lassen den Schluß zu, daß das durchschnittliche Mitglied etwa 30–40 Jahre alt ist und der Mittelschicht angehört. Der Eintritt des durchschnittlichen Mitglieds steht nicht mit irgendeiner „Krise“ im Zusammenhang; dies trifft auch auf Austritte zu. Den vorhandenen Informationen zufolge werden die Aktivitäten der Kirche durch Spenden und Beiträge ihrer Mitglieder finanziert.

Die siebte und letzte Dimension ist die materielle und ästhetische. Die Einrichtung der Räume für religiöse Dienste, die Kleidung der Geistlichen und die religiösen Symbole erlauben einen Vergleich mit westlichen christlichen Kirchen. Bezeichnend für die Scientology Kirche ist ein Raum für den Gründer, L. Ron Hubbard, in jeder Kirche. Dies scheint als Symbol für die Verehrung und den Respekt, die seinem Vermächtnis entgegengebracht werden, zu dienen.

Als Schlußfolgerung aus der obigen kurzen Untersuchung der verschiedenen Aspekte der Scientology Kirche ergibt sich, daß hinsichtlich des Menschenbildes und der Lehre große Ähnlichkeiten zu östlichen Religionen bestehen. Die Organisation und die religiösen Zeremonien erinnern mehr an den Westen und das Christentum.

Scientology besitzt darüberhinaus das vollständige Erscheinungsbild einer Religion. Deshalb muß man der Meinung Ausdruck verleihen, daß sie innerhalb einer Gesellschaft, in der Religionsfreiheit herrscht, mit den Möglichkeiten ausgestattet werden sollte, mit denen sie die religiösen Bedürfnisse ihrer Mitglieder und Anhänger zufriedenstellen kann.

Per-Arne Berglie, Stockholm, Schweden, 20. März 1996

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