Scientology: Kosmologie, Anthropologie, Ethik und Methodologie

Scientology: Kosmologie, Anthropologie, Ethik und Methodologie von Régis Dericquebourg

Scientology: Kosmologie, Anthropologie, Ethik und Methodologie von Régis DericquebourgDer Zweck dieser Abhandlung ist eine Bestandsaufnahme der Scientology aus soziologischer Sicht.

Die Frage ist: Handelt es sich bei Scientology um eine Religion, und wenn ja, um welchen Typus von Religion?

Wir werden in dieser Abhandlung versuchen, dieser Frage Elemente einer Antwort gegenüberzustellen. Wir werden weiterhin einige Aspekte der Scientology beschreiben, so wie sie sich uns heute darstellt.

Der von uns verfaßte Text ist das Resultat einer laufenden Untersuchung über die Scientology-Kirche. Daraus sind einige Artikel und Beiträge zu Symposien hervorgegangen. Wir beabsichtigen, ein Buch über diese Bewegung zu veröffentlichen.

Unsere Darstellung ist weder polemisch noch apologetisch.

i. IST SCIENTOLOGY EINE RELIGION?

i.i. Was verstehen wir unter Religion?

Diese Abhandlung soll keinen Anlaß für eine Grundsatzdiskussion über die Definition des Begriffs „Religion“ darstellen. Trotzdem müssen wir einen Verfahrensansatz annehmen und uns über eine Mindestanzahl von Merkmalen einig sein, die sich in den meisten Religionen finden. Wir sind uns darüber im klaren, daß diese Sichtweise die definitorische Diskussion um den Religionsbegriff, wie sie durch das Auftreten neuer Formen der Religion in Gang gebracht wurde, vorläufig ignoriert. 

Wir stimmen Bryan Wilson zu, daß eine Religion folgendes beinhaltet:

 

* Eine Kosmologie, in der das Universum in bezug auf eine oder mehrere übernatürliche Kräfte eine Bedeutung gewinnt. Der Mensch wird in einer Weise begriffen, welche die Grenzen der irdischen Existenz sprengt. Es gibt ein Vorher und ein Nachher. Die endliche Natur des Menschen wird nicht akzeptiert.

* Eine aus dieser Kosmologie abgeleitete Moral. Diese beinhaltet Anweisungen und Richtlinien im Einklang mit der angenommenen Bedeutung des Universums.

* Mittel, um den Menschen mit dem übernatürlichen Prinzip in Kontakt zu bringen: Gebete, religiöse Zeremonien, Techniken der Meditation.

* Eine Gemeinde von Anhängern, auch wenn es nur eine kleine ist, die in der Lage ist, den Glauben zu erhalten und zu verbreiten und die Vorteile der Erlösung zu verwirklichen.

Es ist die Kombination dieser Elemente, die es möglich macht, Religionen zu unterscheiden von:

(1) deistischen Philosophien, die eine Kosmologie und einen Existenzsinn vorgeben, aber nicht dazu gedacht sind, den Kontakt von menschlichen Wesen zu übernatürlichen Mächten herzustellen;

(2) individueller Magie, mit der empirische Ergebnisse durch die Anwendung von empirischen Techniken erzielt werden sollen;

(3) deistischen Organisationen wie den Freimaurern, welche die Existenz des „Großen Architekten des Universums“ anerkennen, deren Zeremonien aber nicht darauf ausgerichtet sind, einen Bezug zwischen dem Menschen und „Ihm“ herzustellen.

i.ii. Inhalte der Scientology

 

Die Scientology enthält eine Kosmologie, eine Anthropologie, eine Ethiklehre, religiöse Zeremonien, eine Auditing-Methode, eine Methode zur Reinigung des Körpers, Ausbildungsmethoden und eine Kommunikationstheorie.

Die Kosmologie: Das Übernatürliche in Scientology

Der Gründer, L. Ron Hubbard (1911-1986), erneuert die These der Geistwesen, die gleichsam das Ur-Ich darstellen. Er macht geltend, daß es vor der Geburt des Universums geistige Wesen gab, die er Thetane nennt. Diese Thetane waren immaterielle, masselose Wesen ohne zeitliche Begrenzungen; sie nahmen keinen Raum ein und waren allwissend, allmächtig, unzerstörbar, unsterblich und in der Lage, alles zu erschaffen. Zusammen mit dem „höchsten Wesen“ erschufen diese immateriellen Wesen das Universum. Dabei wurden sie in ihrer eigenen Falle gefangen und blieben in ihrer eigenen Schöpfung (insbesondere dem Menschen) festgefahren, d. h. in Materie, Energie, Raum und Zeit (engl. MEST = das physikalische Universum). Sie vergaßen sogar, daß sie selbst die Schöpfer waren. Dadurch verloren sie ihre Kraft und ihre Allwissenheit und wurden zu verwundbaren menschlichen Wesen. Seit dieser Zeit kehren sie nun immer wieder zurück und leben in jedem Leben in anderen Körpern. Die Thetane haben heute ihre wahre spirituelle Identität vergessen und glauben, daß sie menschliche Körper sind. Der Mensch hat somit einen geistigen Ursprung und setzt sich aus Körper, Verstand und Thetan zusammen.

Hier handelt es sich um eine gnostische Version vom Fall des vollkommenen Menschen in die Unvollkommenheit, eine Transposition griechischen Dramas, in dem die Götter sich in die Angelegenheiten der Menschen einmischen und sich darin verstricken.

Die Aufeinanderfolge von Leben muß durch eine Befreiung beendet werden. Scientology will den Menschen nahe an den Zustand des ursprünglichen Thetans heranbringen.

Die Dynamiken und Ethik

Scientology befaßt sich mit der treibenden Kraft des Universums und dem Sinn des Daseins.

Das Universum wird durch einen dynamischen Drang motiviert, einer Kraft, die dem Überleben dient, d. h. dem eigentlichen Daseinsprinzip. Sie variiert beim einzelnen und bei Rassen. Sie hängt von Physiologie, Umgebung und Erfahrung ab. Sie beeinflußt die Beharrlichkeit des Menschen im Leben und die Ausübung der Intelligenz, die als die Fähigkeit eines Individuums, einer Gruppe oder einer Rasse zur Lösung der mit dem Überleben zusammenhängenden Probleme angesehen wird.

Das ethische Niveau des einzelnen wird im Hinblick auf die Handlungen beurteilt, die er um des Überlebens willen vollbringt. Aus solch einer Sicht ist das Gute das Konstruktive, und das Schlechte ist das, was sich gegen das Überleben richtet. Es ist erkennbar, daß sich die Ethik der Scientology nicht auf eine Reihe von Ratschlägen begründet (die Bergsonsche Idee der abgegrenzten Moral). Sie ist vielmehr das Ergebnis eines Verstehens und einer Verinnerlichung des Lebenssinns und dient als ein persönlicher Kompaß. Man kann sie als ein offenes Moralsystem bezeichnen.

Ähnlich anderen spirituell ausgerichteten Gruppen gibt es in Scientology keine „Sünde“. Es gibt Fehlhandlungen, die aus zerstörerischen Handlungen gegen den Menschen, die Familie, die Gesellschaft und Gott bestehen. Es ist Teil des scientologischen Verständnisses von Ethik, daß diese Schwächen erkannt und bereinigt werden müssen.

Mit zunehmender Komplexität des Organismus nimmt auch die Komplexität des dynamischen Drangs zu. Bei einem „normalen“ (nicht aberrierten, also nicht von der Vernunft abgewichenen) Menschen gliedert sich diese Dynamik in acht Bereiche, mit denen jeweils Ziele verbunden sind.

(1) Die Selbst-Dynamik besteht aus dem dynamischen Drang, als ein Individuum zu überleben, Vergnügen zu erlangen und Schmerz zu vermeiden. Sie hängt mit Nahrung, Kleidung, Unterkunft, persönlichen Ambitionen und den allgemeinen Zielen des Individuums zusammen.

(2) Die Sex-Dynamik bestimmt die Fortpflanzung.

(3) Die Gruppen-Dynamik bestimmt das gesellschaftliche Leben. Sie stimuliert das Verhalten, mit dem das Überleben der Gruppe erhalten werden soll, der die Einzelperson angehört.

(4) Die Menschheits-Dynamik bezieht sich auf das Überleben der menschlichen Art.

(5) Die Dynamik des Lebens drängt die Person dazu, für das Leben selbst zu arbeiten, d. h. für alle lebenden Dinge, Pflanzen wie auch Tiere.

(6) Die Dynamik des physischen Universums ist der Drang des Individuums, das Überleben von Materie, Energie, Raum und Zeit zu fördern.

(7) Die Dynamik der geistig-gedanklichen Welt ist der Drang von Individuen, als immaterieller Gedanke zu überleben, als geistig-spirituelle Wesen.

(8) Die Dynamik des universellen Gedankens ist der Drang, für den Schöpfer oder für ein höchstes Wesen zu überleben.

Nur die ersten vier Dynamiken hängen mit der Dianetik zusammen. Die anderen, die in den frühen 50er Jahren hinzukamen, sind metaphysischer Natur und werden in Scientology angesprochen (Unterscheidung siehe unten).

Der Anhänger wird aufgefordert, sich mit allen Dynamiken zu identifizieren. Listen zur Selbsterfahrung helfen ihm bei jeder Dynamik, eine Bestandsaufnahme seines Zustandes durchzuführen. Mit Hilfe eines Geistlichen sucht er nach Möglichkeiten, die Mängel solcher Zustände zu beheben.

Die Anthropologie der Scientology

Die Lehren L. Ron Hubbards enthalten eine Auffassung des Menschen, bei der Körper und Verstand eng ineinandergreifen.

Auf der Grundlage seiner Forschungen über den Verstand und über die menschliche Natur schrieb L. Ron Hubbard 1950 das Buch Dianetics: The Modern Science of Mental Health. Es wurde sofort zu einem Bestseller und führte zur Gründung von Dianetik-Organisationen. Damals war Dianetik nur auf den Verstand bezogen. Sie wurde als ein Mittel angesehen, um den einzelnen von mentalen Traumata zu entlasten oder zu befreien. Hubbard setzte jedoch seine Forschungen fort und trat in den frühen 50er Jahren mit der Entdeckung, daß es sich beim Menschen um ein unsterbliches Wesen handelt, das zahllose Leben lebt und die physischen Dimensionen transzendiert, in den spirituellen Bereich ein. Die erste Scientology-Kirche wurde 1954 gegründet.

In Scientology wird der Verstand etwa wie ein Computer begriffen – mit zwei Hauptbereichen: dem analytischen Verstand und dem sogenannten reaktiven Verstand.

Der erste stellt gewissermaßen die Intelligenz dar, eine fehlerfreie Kraft, die das Wahrnehmungszentrum der Person (des „Ichs“ oder der Grundpersönlichkeit) darstellen soll. Dieses Mittel zur Analyse gleicht einem Prozessor, der mit Wahrnehmungen arbeitet (von der Außenwelt eingehende Stimuli) sowie mit der Phantasie und mit Erinnerungen, die in den sogenannten Standardgedächtnisbanken enthalten sind. Von der Geburt bis zum Tod, im wachen wie im schlafenden Zustand, werden diesem Gedächtnis von den verschiedenen Sinnen Informationen übermittelt, die es vollkommen in chronologischer Reihenfolge in verschiedenen „Archiven“ aufbewahrt (auditiv, visuell, taktil usw.) und dann für den analytischen Verstand bereithält. Dieser Verstand arbeitet ununterbrochen. Es gehen kontinuierlich Kopien der gespeicherten „Faksimiles“ ein, die der Verstand dann auswertet und vergleicht, um die richtigen Antworten für die Probleme anzubieten, mit denen die Person konfrontiert wird. Um Routineaufgaben wie z. B. Laufen, Tippen usw. durchführen zu können, ohne nutzlose Informationen zur Verfügung zu haben, richtet das Gedächtnis abrufbereite Schaltkreise ein, welche die erworbenen Fertigkeiten steuern. Im Prinzip ist der analytische Verstand eine Art rationaler, fehlerfreier „Prozessor“, der keine psychischen oder psychosomatischen Störungen erzeugt.

Das aberrierte Verhalten findet aufgrund des reaktiven Verstandes statt, der aus einer Ablagerung von Engrammen besteht. Bei Engrammen handelt es sich nicht unbedingt um Erinnerungen, sondern vielmehr um komplette Aufzeichnungen aller Einzelheiten aller Wahrnehmungen, welche die Person während eines schmerzhaften Momentes von vollkommener oder teilweiser Bewußtlosigkeit (z. B. Ohnmacht oder Betäubung) empfängt.

a) Auditing

Die primäre Religionspraktik der Scientology nennt sich Auditing. Für die Scientologen stellt das Auditing einen methodischen spirituellen Weg dar. Um was handelt es sich hier?

Durch das Auditing kann die Person alle Geschehnisse dieses Lebens und der vorhergehenden Leben auf einer Zeitspur (time track) zurückholen, also sich daran erinnern. Die bedeutsamsten der zurückgeholten Geschehnisse sind diejenigen traumatischen Geschehnisse, in denen eine bestimmte Energiemenge gebunden oder abgespalten wurde. Hierdurch wird das Fähigkeitsniveau verringert, indem Handlungsfähigkeit und vernünftiges Denken blockiert werden. Durch die Zurückholung dieser Vorfälle und deren „Laufen“ wird die mit den Vorfällen verbundene Energie durch „Abreaktion“ freigesetzt und steht dann wieder zur Verfügung. Hierdurch wird ein Gefühl des Sich-Wohlfühlens erreicht. Auch werden vergangene Vorfälle als die Ursache von physischen oder psychischen Leiden angesehen. Deren Erkennung sowie die Beschäftigung der auditierten Person mit ihnen sollen Leiden beseitigen. Zum Beispiel könnte jemand, der von Schmerzen geplagt wird, während des Auditings herausfinden, daß er in einem früheren Leben erwürgt wurde. Indem er diesen traumatischen Vorfall durchläuft, setzt er den mit dem vergangenen Vorfall zusammenhängenden Schmerz frei. Dies erinnert an die Konstruktion eines persönlichen Mythos in der schamanistischen Heilung, wie es Lévi-Strauss in seinem Buch Anthropologie structurale erörtert.

In der Hubbardschen Terminologie verwendet das Auditing der Scientology die Fähigkeiten des analytischen Verstandes, um den reaktiven Verstand von den schädlichen Engrammen zu befreien, die das Vermögen behindern, die Energie des inkarnierten Thetans wiederzugewinnen.

Durch das Auditing werden zwei Dinge erreicht: 1) Die Erforschung der Vergangenheit macht dem Anhänger schnell deutlich, daß er ein allmächtiger inkarnierter Geist ist, der nur durch seinen menschlichen Zustand eingeschränkt wird; 2) das Auslöschen der Engramme führt zu dem Zustand „Clear“.

Durch die Beseitigung der Engramme wird das Wesen regeneriert. Dies zeigt sich durch eine erhöhte Lebenskraft mit einer höheren Überlebensfähigkeit, einem Gefühl der Stärke und Energie und besseren Fähigkeiten, die auf einer Emotionsskala gemessen werden können.

Für die Scientologen ist das Auditing eine Form von seelsorgerischer Beratung. Bryan Wilson teilt diese Ansicht (in Scientology, geschrieben 1994), wenn er der Meinung ist, daß sich in Scientology die Systematisierung der Beziehungen zur Spiritualität manifestiert – eine Orientierung, die man im „Methodismus“ findet. Wir sehen Scientology als eine Form der zweckmäßigen Gestaltung oder der Rationalisierung religiösen Lebens.

Scientologen erleben Auditing in erster Linie als ein spirituelles Abenteuer, mit dem wie in den östlichen Religionen der Zugriff auf den spirituellen, unsterblichen Teil des Menschen möglich ist.

Durch das Auditing wird sich der Thetan seiner Unsterblichkeit bewußt und wird dadurch zu spirituellem Wachstum fähig, und der Mensch gewinnt ein größeres Verstehen über seine Spiritualität und seine Beziehung zum höchsten Wesen. Des weiteren befähigt Auditing den Menschen zu größerem Verständnis und zu größerer Leistungsfähigkeit auf allen acht Dynamiken.

Ehemalige Anhänger der Religion haben die Scientology als eine Form von Psychotherapie bezeichnet. Die Methoden und Rituale sind jedoch nicht die gleichen, und die Ziele sind ebenfalls völlig verschieden: Die Psychotherapie beschäftigt sich mit dem Verstand; das Ziel der Scientology ist jedoch die Errettung des Geistes. 1) Die auditierte Person beginnt die Dualität des Menschen zu verstehen und erkennt durch die Entdeckung vergangener Leben die durchgängige Anwesenheit eines einzigen Prinzips über alle Leben hinweg; 2) Scientology beschäftigt sich darüber hinaus mit dem Thetan. Indem der Thetan von mentalen und körperlichen Lasten befreit wird, gewinnt er seine ursprüngliche Kraft wieder; das Individuum, das der Thetan repräsentiert, wird damit sozusagen „lebend befreit“ (jivan mukti).

b) Religiöse Ausbildung

Die andere religiöse Kernpraktik der Scientology wird Ausbildung genannt und beinhaltet das eingehende Studium der scientologischen Schriften – mit dem Ziel sowohl der spirituellen Erleuchtung als auch der Ausbildung zum Scientology-Geistlichen.

Scientologen vertreten die Ansicht, daß sie die Wertigkeit ihres spirituellen Bewußtseins in allen Lebenslagen umsetzen müssen. Auf diesen Weg gelangen sie durch das Studium der scientologischen Schriften. Hierbei zeigt sich eine Ähnlichkeit zu den Erleuchtungsstudien in anderen Religionen, wie z. B. das Studium des Talmuds im Judentum, das Studium der Lehren Buddhas und das Studium esoterischer Schriften. Weiterhin gehören nach Ansicht der Scientologen das Auditing und die Ausbildung zusammen. Die Person muß zur gleichen Zeit ihre Fähigkeiten, ihre Verantwortung und ihr Wissen erhöhen. Die Person entdeckt, daß sie mit der Kraft des menschgewordenen Thetans handeln und mit anderen spirituellen Wesen kommunizieren kann. In der Ausbildung lernen die Scientologen zum Beispiel auch, wie man auditiert, um den Prozeß des Sich-Bewußtwerdens als geistiges Wesen in anderen zu entdecken und um ihre Verantwortung als Gläubige auszuüben.

c) Zeremonien

Die Scientology-Kirche führt eine Reihe von religiösen Zeremonien durch, die traditionell auch in den üblichen Religionen vorkommen: Namensgebungszeremonien, sonntägliche Gottesdienste, Hochzeiten und Beerdigungen.

d) Organisation

Die Scientology-Kirche hat ein für die moderne Zivilisation typisches, vielschichtiges Organisationswesen, das auf einer großen Anzahl von Organisationen aufgebaut ist. Jede Religion entnimmt ihre Organisationsform der Ära, in der sie entsteht. In jüngerer Zeit haben die Zeugen Jehovas die Organisationsmethoden der Industrieära übernommen, während Scientology den Organisationsstil der nachindustriellen Ara übernommen hat.

Der Zweck der Organisation ist es, den Nutzen der Erlösung im Dienste der internationalen Ausbreitung zu verwalten und zu vervielfachen.

e) Geistlicher Beistand

Scientology unterhält eine Anzahl von ordinierten Geistlichen, die Zeremonien abhalten und das Auditing praktizieren.

ii. WER SIND DIE SCIENTOLOGEN?

In ihren Studien über die Scientology-Kirche haben Roy Wallis und Roland Chagnon versucht, ein Profil der Anhänger zu zeichnen. Ihre Ergebnisse gleichen sich in einer großen Anzahl von Punkten.

In Frankreich haben wir versucht, Informationen der gleichen Art über 285 Anhänger zu sammeln, die willkürlich aus den Akten der Kirche ausgewählt wurden. Das sich abzeichnende Profil ergibt, daß es sich bei zwei Dritteln um Männer handelt und daß die Mitglieder größtenteils zwischen 26 und 41 Jahre alt sind. Die meisten sind verheiratet oder leben in eheähnlicher Gemeinschaft und haben ein oder zwei Kinder.

Die meisten Scientologen wuchsen in Städten auf und haben dort bis zu ihrem 18. Lebensjahr gelebt. Sie sind stabil in der Gesellschaft integriert; sie haben eine hohe berufliche Stellung (Betriebe mittlerer Größe, Führungskräfte, Geschäftsleute, Handwerker, Ladenbesitzer). 42% haben eine höhere Schule besucht. Sie sind auf die Gebiete der Technik, der Kunst, des Handels oder der Literatur spezialisiert.

Bei den französischen Scientologen handelt es sich überwiegend um ehemalige Katholiken, welche die Kirche verlassen haben; 16% geben an, daß sie Atheisten waren. Von denjenigen, die gewillt waren, über ihre derzeitige Einstellung in bezug auf ihre ursprüngliche Religion zu reden, gaben etwas mehr als die Hälfte an, daß sie immer noch Katholiken seien, und einige von ihnen fügten hinzu, daß sie ihre ursprüngliche Religion jetzt besser verstehen und sie diese spirituell mehr ausleben. Hierbei fällt auf, daß das Praktizieren von Scientology nicht unbedingt zu einer Ablehnung der ursprünglichen Religion führt, obwohl Scientology im praktischen Sinn eine eigenständige Religion ist und Scientologen im allgemeinen ihre Verbindungen zu früheren Religionen nur aus gesellschaftlichen und familiären Gründen aufrechterhalten.

iii. WIE LEGITIMIEREN SCIENTOLOGEN IHR GLAUBENSBEKENNTNIS?

Die scientologischen Schriften enthalten mehrere Argumente, um L. Ron Hubbards religiöse Lehre der Scientology, die als „angewandte religiöse Philosophie“ bezeichnet wird, zu legitimieren. Die Argumentation zeigt, daß sich Scientology und die Ideale und Praktiken der gegenwärtigen westlichen Gesellschaft auf gleicher Ebene bewegen.

Die Lehre der Scientology – die nicht als eine offenbarte Moral begriffen wird, sondern als das Ergebnis der richtigen Anwendung menschlicher Vernunft – nimmt die Ideale und Werte einer liberalen Gesellschaft an: individueller Erfolg, eine Wettbewerbsmoral unter den Einzelpersonen zur Vermeidung von unsozialem Verhalten, aufstrebende wirtschaftliche Macht sowie Wissenschaft und Technologie, die Verbesserungen im persönlichen Wohlbefinden ermöglichen, der Glaube an den kontinuierlichen Fortschritt der Zivilisation, an den Menschen und sein Potential, an die Möglichkeit einer Harmonie zwischen den persönlichen Zielen und denen der Zivilisation als Ganzes. Die Natur des Menschen rechtfertigt den Glauben an diese Ideale: Der Mensch ist gut und strebt demzufolge nach dem Guten, d. h. dem größtmöglichen Überleben. Wenn es ihm nicht gelingt, mehr Stärke zu erlangen oder eine Moral zu praktizieren, die dem Fortschritt der Zivilisation förderlich ist, so deshalb, weil er unter Aberrationen, unter Abweichungen von der Vernunft leidet, die mit Hilfe bestimmter Techniken behoben werden können.

Um es noch einmal zusammenzufassen: Der Mensch kann zu der Allwissenheit und Allmächtigkeit der das Ur-Ich darstellenden Geistwesen zurückkehren und eine Menschheit hervorbringen, die der gleicht, die am Anfang der Welt stand. Es handelt sich hier um eine Art regressive Utopie, die den Fortschritt spiritualisiert, indem sie ihn zu einer Pilgerfahrt in eine Welt vollkommener Menschen macht, die zu einem vergangenen Zeitpunkt bereits einmal existiert hat. Die Lehre der Scientology appelliert an die Verantwortung des Menschen und bietet ihm die Wahl zwischen einer Gesellschaft, die sich zunehmend auf die Stufe eines Barbarentums begeben wird, wenn keine Änderung eintritt, und einer starken Gesellschaft ohne Krieg oder Gewalttätigkeit, wenn sich die Menschen darauf einigen können, ihre Aberrationen zu beheben. Wir ersehen daraus, daß L. Ron Hubbard ein Ethos der persönlichen Verantwortung anbietet, einen Weg zum Glück, zu Effizienz, Wohlstand und persönlicher Fortentwicklung, der nicht allzu weit von der Philosophie der Aufklärung entfernt ist, die unsere hochentwickelten Gesellschaften beherrscht.

Soweit es die Inhalte der westlichen kapitalistischen Gesellschaften betrifft, können wir daher erkennen, wie die Scientology-Lehre mit den empirischen Realitäten korrespondiert. Diese Übereinstimmung erstreckt sich auch auf Erwerbsmethoden und strukturelle Faktoren. Die Methoden der religiösen Ausbildung sind die gleichen Lernmethoden, die in den meisten Ausbildungssystemen verwendet werden: Lektionen, Kurse und praktische Übungen. Das scientologische Lehrgebäude gleicht dem Wissen, das die Anhänger bereits früher erlangt haben: Die Mitglieder gehen davon aus, daß es vernünftig ist (es wird wie ein wissenschaftlicher Beweis mit Konzepten, Hypothesen und Axiomen vorgelegt) wie auch wissenschaftlich (es besteht eine ausführliche Sammlung von Büchern, in denen L. Ron Hubbards Entdeckungen zusammen mit seinen verschiedenen Experimenten, Fehlern, Schwierigkeiten und Ergebnissen dokumentiert sind). Auch erlaubt das System jeder Person, sich Techniken anzueignen, die sofort anhand klarer Ordnungen untereinander mit vorhersehbaren Resultaten in die Tat umgesetzt werden können. Die Form dieser Art von Ausbildung gleicht der Ausbildung, welche Scientologen in ihren früheren Schulen oder Universitäten erhalten haben.

Viele Scientologen sind Führungskräfte, Firmendirektoren, Freiberufler, Sportler und Leute aus der Show-Branche. In ihrer Allgemeinbildung haben die meisten Scientologen zumindest das Abitur absolviert, oftmals auch eine Universitätsausbildung. Die gerade beschriebenen Merkmale von Scientology erlauben es den Mitgliedern, sich aufgrund ihrer Bildung hier zu Hause zu fühlen. Dem ist hinzuzufügen, daß Scientology auch die Ängste anspricht, die in der heutigen Gesellschaft allgegenwärtig sind: Gewalt, Kriege, nukleare Bedrohung, Umweltverschmutzung usw.

Auf der anderen Seite wird die Lebenskraft, die zur Erreichung ihrer Ziele erforderlich ist, mit Gott identifiziert. Dieser Umstand verleiht der Bewegung eine spirituelle Legitimation. Während der sonntäglichen Andachten verkündet der Chaplain, daß „der Aufstieg zum Überleben in sich ein Aufstieg zu Gott ist“. Hier finden wir eine nachdrückliche Vision des Göttlichen, die von vielen verschiedenen metaphysischen Bewegungen geteilt wird.

Zum zweiten ergibt sich für Scientologen die Legitimation der Scientology aus der Funktionsfähigkeit ihrer Techniken. Scientology bringt vor, daß der Mensch, der ihre Technologie der Ethik anwendet und sich nach den Lehren der Scientology richtet, unweigerlich ein besseres Leben haben wird, Wohlbefinden und Gesundheit, – die Anzeichen des Erfolgs. Die Technologie wird dadurch, daß einmal positive Ergebnisse fehlen mögen, nicht diskreditiert. Statt dessen soll sich der Benutzer durch solch offensichtliches Versagen veranlaßt sehen, seine eigenen Widerstände, seine Beziehungsprobleme innerhalb der Gesellschaft oder seine falsche Anwendung der Technologie prüfend in Augenschein zu nehmen. In jedem Fall sieht er sich zum Durchhalten aufgefordert, da die Scientologen der Auffassung sind, daß es für jedes Problem eine technische Lösung gibt. Scientology funktioniert, wenn sie richtig angewandt wird. Die Standardtechnologie ist in den Scientology-Schriften enthalten. Die Anwendung der Technologie ist streng standardisiert, und um das gewünschte Ergebnis zu erzielen, muß man nur die Anweisungen Schritt für Schritt befolgen, wie man sie durch die Ausbildung in der religiösen Lehre lernt; Gewißheit über die Gültigkeit der Lehren ergibt sich aus dem Erleben der Techniken.

Als Beweis für die Legitimation der Technologie und somit auch der angewandten religiösen Philosophie und der damit einhergehenden spirituellen Ideen dienen Erfolg und Resultate.

Wir wollten herausfinden, ob die Legitimation der Scientology, so wie sie in den offiziellen Schriften beschrieben wird, die gleiche ist, wie die von den Mitgliedern verwendete. Zu diesem Zweck interviewten wir fünfzehn Scientologen. Wir stellten ihnen die Frage, wieso sie glauben, daß die Scientology wahr ist. Alle der interviewten Mitglieder gehörten der Bewegung zwischen fünf und zwanzig Jahre an. Sie waren alle hochgebildet. Ihre Argumente können in verschiedene Gruppen aufgeteilt werden:

iii.i. Pragmatische Legitimation

Die befragten Scientologen waren der Auffassung, daß ihr Glaube Gültigkeit habe, weil er zu klaren Verbesserungen in ihrem Leben geführt und in einigen Fällen ihre Lebensumstände völlig verändert habe. Sie geben an, daß sich ihre Gesundheit gebessert habe und ihr Familienleben jetzt harmonischer verlaufe. Sie machen in der Bewegung weiter, weil sie von Anfang an deutliche Ergebnisse festgestellt haben. Für ihre Mitglieder stellt Scientology eine nützliche Religion dar.

iii.ii. Wahrscheinlichkeit im Glauben

Die persönliche Überprüfung der Stichhaltigkeit von scientologischen Prinzipien läßt gleichzeitig einen „nicht überprüften“ Bereich zurück. Viele Scientologen geben zu, daß sie noch nicht alle Lehren L. Ron Hubbards persönlich verifiziert haben und daß noch einige Bereiche hypothetischen Glaubens bestehen.

Der Glaube an Gott wird häufig diskutiert. Er kann möglicherweise auch verifiziert werden. Für einige besteht an der Existenz eines höchsten Wesens kein Zweifel. Sie sprechen von einer inneren Überzeugung, von Beweisen zur Existenz Gottes, aufgrund derer sie ihre Differenzen mit dem „Gott der Katholiken“ ihrer Kindheit beigelegt haben. Andere wurden während des Auditings mit ihren vergangenen Leben in Berührung gebracht und fanden auf diese Weise den Glauben an ein unendliches Wesen (z. B.: „Am Anfang war es mir nicht bewußt, aber im Laufe des Auditings wurde mir klar, daß es wirklich eine achte Dynamik gibt, die unendlich ist und besteht; am Anfang hatte ich davon keine Ahnung, aber jetzt weiß ich, daß sie existiert.“). Für die meisten von ihnen muß jedoch Gott (in ihrem Vokabular „die achte Dynamik“) auf die gleiche Art und Weise verifiziert werden wie alles übrige. Gleichzeitig sehen sie jedoch Gott als eine wahrscheinliche Hypothese: Zum einen gibt es, wenn sie einen Teil von L. Ron Hubbards Lehren verifiziert haben, keinen Grund, warum der Rest nicht auch wahr sein sollte. (Zum Beispiel: „Ich weiß, daß es einen Schöpfer aller Dinge, des Universums gibt … ich glaube, daß es ein höchstes Wesen gibt, es ist nur eine Frage der Zeit. Existiert es noch? In dem Stadium, das ich jetzt erreicht habe, habe ich keine Möglichkeit zu wissen. Es ist ein Teil Glaube und ein Teil Wissen … Wenn man nämlich 70% eines Themas verifiziert hat, glaubt man, daß der Rest wahrscheinlich auch wahr ist.“ – Ein 47jähriger Scientologe, der seit 20 Jahren dabei ist.) Andere wiederum glauben, daß es Gott geben muß, wenn die Scientologen der höheren Ebenen ihn gefunden haben.

Gleichzeitig geben sie jedoch zu, daß die Suche gegebenenfalls nicht mit der gleichen Entdeckung endet. Für viele Scientologen bleibt „die achte Dynamik“ eine Welt, die man persönlich erforschen muß, um ganz an sie glauben zu können. Im Moment warten sie noch ab. Wahrscheinlich ist Gott dort. Das kann man einen auf Wahrscheinlichkeit begründeten Glauben nennen.

iii.iii. Relative Wahrheit

Wo persönliche Erforschung überwiegt, ist Wahrheit immer in bezug auf das Stadium zu sehen, das der Scientologe auf seinem Entwicklungsweg erreicht hat. Diese Relativität wird durch zwei Wahrheiten illustriert, die einer der Befragten erwähnte: Die Wahrheit, die über Zeit und Worten steht, und die Wahrheit des „hier und jetzt“.

iii.iv. Relevanz

Scientologen führen auch an, daß ihr Glaube realitätsrelevant ist. Einer sprach darüber, daß er sich im Einklang mit der Realität befinde, und gab doch zugleich zu, daß er diese Realität selbst geschaffen habe und sie für ihn zur Gewohnheit geworden sei. Zum Beispiel war einer von ihnen der Auffassung, daß die Scientology-Ethik ausreichend sei, um andere zu verstehen und mit ihnen umzugehen. Eine andere Gläubige gab an, daß sie auf eine befriedigende Methode für soziale Reformen gestoßen sei. Sie sei vor ihrem Beitritt zur Scientology eine militante Sozialistin gewesen. Sie war der Meinung, daß sie in der scientologischen Technologie die Mittel gefunden habe, um „echte Reformen in der Gesellschaft zu bewirken“.

iii.v. Der Sinn des Lebens

Die Mitglieder geben an, einen Lebenssinn gefunden zu haben. Einer beschrieb sich als ein unter bewölktem Himmel im Meer treibender Matrose ohne Kompaß und ohne Orientierungspunkte, bis er eine Karte und alle erforderlichen Navigationsgeräte fand. Die Scientologen glauben, daß sie den Sinn des Lebens gefunden haben, und welche Richtung sie von nun an einzuschlagen haben. Einer von ihnen, der sein Medizinstudium aufgegeben hatte, führte an, daß er in all seinen Bemühungen keinen Sinn gesehen hatte, da ein bequemes „Mittelklassedasein“ nicht viel mit dem gemeinsam hatte, was er als den Sinn des Lebens empfand; er gab an, diesen Sinn in der Scientology gefunden zu haben.

iii.vi. Wissenschaftliche Bezugspunkte

In unseren Interviews wurden keine Bezugspunkte zu anerkannten Wissenschaften hergestellt, um als Beweis für die Lehre oder die Technologie der Scientologen zu dienen. Dieser Umstand steht in direktem Kontrast zu:

a) dem Fachwissen, das Führungskräfte auszeichnet (wie oben erwähnt).

b) L. Ron Hubbards Aussage: „Ich muß der Tatsache ins Auge sehen, daß wir an dem Punkt angelangt sind, an dem sich die Wissenschaft und die Religion treffen, und von jetzt an sollten wir uns nicht mehr vormachen, daß wir uns ausschließlich mit Zielen materieller Natur beschäftigen. Wir können die menschliche Seele nicht zum Gegenstand unserer Bemühungen machen, wenn wir uns dieser Tatsache verschließen.“

Wir können deshalb die Hypothese aufstellen, daß

a) Kompatibilität mit den anerkannten Wissenschaften eine offizielle Doktrin ist, die als eine akzeptierte Tatsache betrachtet wird. Nach Meinung der Scientologen muß sie nicht belegt werden. Oder daß

b) die Legitimation des Glaubens eine Frage der persönlichen Erfahrung ist und nicht die Übernahme einer offiziellen Position;

c) daß die scientologische Technologie Wissenschaft ersetzt.

Wir sollten auch zur Kenntnis nehmen, daß sich die Scientology-Kirche seit ihren Gründungsjahren verändert hat. Sie bezeichnet sich selbst als eine ganz bestimmte religiöse Bewegung. Die Legitimation, welche die Kirche derzeit anstrebt, findet weit weniger auf einer wissenschaftlichen Ebene statt als früher.

iii.vii. Die Bedeutung der scientologischen Technologie

Scientology wird nicht so sehr geglaubt, als vielmehr praktiziert. Der Ausspruch „Scientology machen“ kam mehrere Male auf. In einer früheren Reihe von Interviews zur begrifflichen Bestimmung dessen, was Scientology ist, hoben die Mitglieder bereits die Anwendung der Technologie hervor. Während der jetzigen Serie von Interviews basierte die Legitimation auf der Funktionsfähigkeit der Technologie. Scientology tritt als eine praktische Religion in Erscheinung.

iii.viii. Verweise auf religiöse Tradition

Die Befragten sprachen religiöse Traditionen nur an, um auf deren Mängel hinzuweisen (Katholizismus, Buddhismus).

Keiner erwähnte eine Verbindung zwischen dem Buddhismus und der Scientology, obwohl diese von L. Ron Hubbard geltend gemacht wird. Er unterstrich die Gemeinsamkeiten, bedauerte jedoch den Mangel an Effizienz des Buddhismus in der Welt.

Diese Nicht-Erwähnung geht Hand in Hand mit der Nicht-Erwähnung der Wissenschaftlichkeit. Die Gläubigen streben nicht nach einer Legitimation ihres Glaubens, indem sie auf externe Faktoren hinweisen. Das, was sie für sich selbst verifiziert haben, scheint ihnen ausreichend zu sein. Sie halten es nicht für nötig, ihren Glauben anderen gegenüber in theologischen Begriffen zu belegen oder sich in eine Tradition religiösen Denkens einzureihen, obwohl L. Ron Hubbard Ähnlichkeiten zwischen Scientology, Buddhismus und verschiedenen alten Weisheitsreligionen aufzeigte.

Die Legitimation der Scientology, wie sie von einigen ihrer Mitglieder empfunden wird, befindet sich nicht ganz im Einklang mit den offiziellen Dokumenten. Die „Wissenschaft, die auf Gewißheit basiert“ ist eher eine „Wissenschaft, die auf Gewißheiten basiert“, die nur akzeptiert werden, wenn sie durch persönliche Erfahrungen bestätigt werden. Daraus läßt sich ableiten, daß sich der Glaube auf Wahrscheinlichkeit gründet und relativ zu dem Stadium zu sehen ist, in dem sich das Mitglied auf der spirituellen Skala befindet. Andererseits werden aber Bekräftigungen der Lehre im Hinblick auf die Technologie der Bewegung akzeptiert. Wir haben es nicht mit sinnlich wahrnehmbaren Beweisen der Wahrheit zu tun, die zu einer bestimmten Verhaltensweise führen, wie in Fällen von Bekehrung in einer Erlösungsreligion. Die Gläubigen solcher Religionen beten, weil sie die Glaubensstruktur akzeptieren, in der zum Beten angehalten wird. Der Scientologe hingegen zählt eine Gewißheit zur anderen, bis er hinreichende Beweise für die Wahrheit gefunden hat. Ein Scientologe sagte mir, daß er es vorziehe, über eine „kontinuierliche Bekehrung“ zu sprechen.

Es scheint auch, daß es sich bei ihrem Glauben um eine fides efficax handelt, da die Gläubigen behaupten, daß sie in der Scientology ein Mittel gefunden haben, um die Gesellschaft zu verstehen und in ihr und in der gesamten Welt Veränderungen zu bewirken.

iv. SCHLUSSFOLGERUNGEN

Scientology weist die charakteristischen Merkmale einer Religion auf. Sie verfügt über eine Theologie, einen Satz von Übungen, mit denen der spirituelle Teil eines jeden menschlichen Wesens erreicht werden kann, eine „sehr bürokratisierte“ Kirchenstruktur und religiöse Riten. Verschiedene andere Autoren vor uns, selbst die kritischsten, haben nicht an der religiösen Natur der Scientology gezweifelt: Michel de Certeau, Roy Wallis, Bryan Wilson, Harriet Whitehead, Lonnie D. Kliever, Frank K. Flinn.

Wir stellen die folgenden Charakteristika fest:

1) Scientology besitzt Techniken, die dazu gedacht sind, einen Weg zur Freiheit im Sinne eines „gesunden Geistes in einem gesunden Körper“ zu bahnen. L. Ron Hubbard und die Scientologen führen die Rationalisierung oder zweckmäßige Gestaltung religiösen Lebens und seine Instrumentalisierung sehr weit. Am meisten wurde Scientology – zu Recht – mit dem Buddhismus verglichen. Einige haben sie als „technologischen Buddhismus“ bezeichnet. Andere wiederum haben aufgrund des systematischen Charakters des Auditings (geistliche Beratung) eine Ähnlichkeit mit dem Methodismus aufgezeigt.

2) Scientology befähigt den Anhänger, den kosmischen, historischen und persönlichen Geschehnissen einen Sinn zu geben, und sie bietet dem Gläubigen die Überzeugung, daß er die Lösung für sein persönliches Heil und das Heil der Menschheit in der Hand hält; sie befähigt die Einzelperson, in ihrem Leben Ursache und nicht die Wirkung externer Ursachen zu sein.

3) L. Ron Hubbard ist kein Prophet, der einen einer Offenbarung entstammenden Erlösungspfad behauptet; er erscheint vielmehr als ein spiritueller Wissenschaftler, der progressiv eine Erlösungsmethode eingerichtet hat, die einen Weg zur „Erreichung“ darstellt.

4) Scientology stützt sich auf persönliche Erfahrung, von etwas mystischer Natur, und ermöglicht es, mit der eigenen spirituellen Natur Kontakt aufzunehmen. Sie impliziert eine „religiöse Virtuosität“, d. h. ein gewichtiges persönliches Engagement. Somit ist sie keine Religion der Massenanbetung.

5) Scientology trägt die Charakterzüge einer Religion „dieser Welt“, die an Soka Gakkai erinnert, bei der Geschäftserfolge, die auf ehrliche Art erzielt wurden, als ein Zeichen der positiven spirituellen Entwicklung angesehen werden. Man kann auch eine Parallele zwischen der Ethik der Scientology und der des traditionellen Protestantismus ziehen. Dort bezeugt der Erfolg in weltlichen Angelegenheiten einen Stand der Gnade, und im ersteren Fall ist sie das äußerliche Manifest dafür, daß die Person an ihrer Persönlichkeit arbeitet, ein Beleg für persönliche religiöse und moralische Kodizes, die im Prinzip einerseits aus psychologischen Befreiungstechniken bestehen, die das Individuum spirituell freisetzen, und andererseits aus der Anwendung eines sehr konkreten Moralsystems.

6) Obwohl die meisten ihrer Anhänger Scientology exklusiv praktizieren, handelt es sich bei Scientology nicht um eine Sekte, da sie nicht exklusiv ist; der Anhänger wird nicht gezwungen, sich von seiner früheren Religion loszusagen.

7) Ausweislich einer Broschüre, welche die Church of Scientology International anläßlich des 40. Jahrestags der Kirche im Jahre 1994 publizierte, wird der religiöse Charakter der Scientology-Kirche seit den frühen fünfziger Jahren geltend gemacht. Die in Los Angeles ansässige Church of Scientology International wird in dieser Broschüre als die Mutterkirche bezeichnet (so wie die Mutterkirche der Christlichen Wissenschafter in Boston). Die Broschüre behandelt die religiöse Gemeinde sowie eine religiöse Ordensgemeinschaft, geistliche Dienste und die gemeinnützige Arbeit der Kirche. Darüber hinaus machten die Scientologen während der letzten von uns durchgeführten Interviews mehr und mehr die religiöse Dimension geltend. Mit zunehmender Verkündung der religiösen Natur zieht die Scientology-Kirche mehr Leute an, die auf der Suche nach einer Religion sind, wogegen sie zu Anfang mehr Leute anzog, die ihre persönlichen Probleme lösen wollten. Mit der Entwicklung von Scientology wurde Dianetik mehr zum integrierten Teil des gesamten Fortschreitens.

8) Scientology enthält utopische Elemente: L. Ron Hubbard schuf das utopische Projekt der „Klärung des Planeten“, das eine Gesellschaft anstrebt, die frei von Wahnsinn, Kriminellen und Krieg ist, in der die Fähigen gedeihen können, ehrliche Wesen Rechte haben, und in welcher der Mensch die Freiheit hat, zu höheren Ebenen aufzusteigen. Spontan angewandte Ethik (offene Bergsonsche Moral) würde alle Existenzfehler eliminieren, und durch die Wiedergewinnung der ursprünglichen Lebenskraft – Theta –, würde sich das Ethikniveau steigern lassen. Mit einer zunehmenden Anzahl von Scientologen würde die Welt besser werden.

9) Scientology entstand in den Rahmenbedingungen der Moderne. Diesen entnimmt sie bestimmte Elemente (technische Orientierung, gut formulierte methodische Ansätze, Wichtigkeit von Kommunikation, Wohlbefinden, Verständnis von Organisation, persönliche Erfahrung), die sie mit alten spirituellen Traditionen verknüpft hat.

L. Ron Hubbard und die Scientologen erweitern die Verwendung eines Instrumentariums der Vernunft und stellen es in den Dienst eines mystischen Weges, einer Selbsttransformation und einer Transformation der Welt. Das ist sicher der Grund, warum die Scientology unter den Religionen einzigartig scheint.

Régis Dericquebourg, 22. September 1995

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